Prof. Dr. Martin Paul Fritze ist überzeugt, dass die Corona-Krise Messen verändert, Deutschland als Standort aber keinen größeren Schaden davontragen wird.

Prof. Dr. Martin Paul Fritze

Wie die Corona-Pandemie die Messeveranstalter trifft

Von einem Forschungsaufenthalt in Australien kam Prof. Dr. Martin Paul Fritze, der an der Universität zu Köln zu Konsumforschung im Bereich Dienstleistungen, speziell auch Messeveranstalter arbeitet, in ein durch die Ausbreitung des Corona-Virus verändertes Deutschland. Wir haben ihn gefragt, wie stark Messeveranstalter und Aussteller betroffen sind und wie er die Zukunft für den Messeplatz Deutschland einschätzt.

 

möbel kultur: Herr Fritze, Messen sind in den meisten Branchen ein wichtiges Tool. Aktuell sind sie weggebrochen, werden verschoben oder stehen auf unsicheren Beinen. Wie bewerten Sie das?

Martin Paul Fritze: Die wirtschaftlichen Auswirkungen für Veranstalter wie auch Teilnehmer durch die Absagen von Messen sind enorm. Aktuellen Schätzungen zufolge reden wir von über ca. 130 Mrd. Euro, die auf Grund von nicht zustande gekommenen Messeverträgen nicht realisiert werden. Und diese Zahl kann sich noch erhöhen, wenn sich das Ganze länger hinzieht.

möbel kultur: Wie können Veranstalter und Aussteller darauf reagieren?

Martin Paul Fritze: Die diplomatische Antwort lautet: Als Unternehmen, ob Messeveranstalter oder Aussteller, muss ich Verantwortung auch wahrnehmen und sagen, okay, das übergeordnete Ziel ist es, der Ausbreitung der Pandemie entgegenzuwirken. Natürlich ist das bitter. Wichtig ist eine klare Kommunikation an Besucher oder Kunden. Was anderes bleibt in der aktuell volatilen Lage nicht übrig.

möbel kultur: Messegesellschaften sind doch aber auf das Geld angewiesen, um die ganze Infrastruktur bezahlen zu können.

Martin Paul Fritze: Das ist richtig. Allerdings ist es für eine reine Betreibergesellschaft, salopp gesagt, einfach der Ausfall einer Veranstaltung, während für eine Besitzgesellschaft mit eigenem Gelände auch laufende Kosten zu Buche schlagen. Um so klarer und zeitnaher Terminverschiebungen kommuniziert werden, desto mehr Verständnis bekommt man sicherlich auch von seinen Vertragspartnern. Das Angebot digitaler Tools ist, sofern vorhanden, eine Option. Wenn ich so ein Tool in der Hinterhand habe, ist es jetzt Zeit, das auch zu bespielen.

möbel kultur: Werden sich Messen langfristig verändern durch diese Krise?

Martin Paul Fritze: Messen werden sich unabhängig von der aktuellen Lage langfristig auch ändern müssen. Die zunehmende Digitalisierung und neue Formate der Messen werden immer wichtiger. Die Corona-Krise kann wie eine Art Katalysator wirken. Jetzt werden ad hoc-Lösungen einfach umgesetzt, um den Ausfall irgendwie abzufedern. Langfristig und daran anknüpfend, werden wir das Zusammenspiel von analogen und digitalen Elementen finden und das Digitale wird nicht nur als Add-on und besonders spielerisches Element gesehen werden. Das kann sogar dazu führen, dass rein informelle Veranstaltungen sich in Zukunft komplett ins Digitale verlagern.

Andererseits merkt man jetzt auch, was eigentlich fehlt. Da entsteht ein soziales Vakuum. Wir brauchen die Interaktion, wir brauchen das emotionale Zusammenkommen. Alles digital zu fahren, ist kein Ersatz, zudem macht man sich mit einer kompletten Umstellung auch angreifbar, zum Beispiel durch einen digitalen Virus. Kurzum: Die Abstinenz sozialer Interaktionen erzeugt diesbezügliche Nachfrage und zugleich wird vermutlich das Zusammenspiel von digital und analog beschleunigt.

möbel kultur: Wird es ein nachhaltiges Unbehagen geben gegenüber Großmessen mit Hunderttausenden Besuchern oder gehören diese Großveranstaltungen bald wieder zum Alltagsgeschäft wie früher?

Martin Paul Fritze: Es wird sich wieder normalisieren. Wir haben das Gleiche auch beim schrecklichen Thema des Terrorismus beobachtet. Wir haben den Drang zur Normalität, wir haben den Drang, wieder zu gewohnten und gewollten Mustern zurückzukehren. Aber mit Verweis auf den Kostenaspekt scheinen neue Messeformate, die digital stattfinden, vielleicht zunächst attraktiver.

möbel kultur: Was bedeutet das alles für den Messeplatz Deutschland. Wird der sich als Drehscheibe der Welt behaupten können?

Martin Paul Fritze: Weil das Corona-Virus alle Länder weltweit gleich betrifft, sehe ich nicht, dass Deutschland in Relation zu anderen Messeplätzen einen größeren Schaden davontragen sollte.

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