4. Branchenwerkstatt Möbel

Komplexität lässt sich managen

Macht allein Größe ein Unternehmen in der Möbelbranche erfolgreich? Wohl kaum. Denn häufig bedeutet Größe hohe Fixkosten, mehr Komplexität, zunehmende Abhängigkeit von Großkunden und daraus resultierend ertragsschwache Umsätze. Doch klein sein allein, mit aller Flexibilität attraktive Nischen zu besetzen, ist genauso wenig die Lösung. Worin liegt also der Königsweg? Darüber diskutierte auch in diesem Jahr das „Who-is-who“ der Möbelindustrie auf der 4. Branchenwerkstatt von Dr. Wieselhuber & Partner (W&P), die in Kooperation mit der „möbel kultur” sowie den Verbänden der Holz- und Möbelindustrie NRW veranstaltet wurde. Zu der hochkarätigen Veranstaltung kamen ca. 90 Teilnehmer aus der Möbel- und Küchenindustrie sowie aus dem Zulieferbereich. Fazit des Dialogs, der erneut im Hettich-Forum stattfand: Ganz unabhängig von der Unternehmensgröße muss Deutschlands Möbelindustrie jetzt vor allem eines – nämlich ihre Komplexität in den Griff bekommen.

Der steigende Druck der Einkaufsverbände nach mehr Exklusivmodellen, der Kundenwunsch nach Individualisierung sowie die unterschiedlichen Ansprüche in internationalen Märkten bringt eine Varianten- und Teilevielfalt hervor, die die Gewinne der Möbler häufig auffressen. Branchenexperte und W&P-Managing Partner Dr. Timo Renz hat einen Namen für diese Herausforderung, der viele Unternehmen – völlig größenunabhängig – gegenüberstehen: Komplexitätsfalle. Trotzdem: „Komplexität kann durchaus ein Erfolgsmodell sein, denn es bedeutet eine hohe Beratungs- und Serviceintensität. Gerade dies ist die Stärke vieler Mittelständler im In- und Ausland“, weiß Dr. Lucas Heumann, Hauptgeschäftsführer der Verbände der Holz- und Möbelindustrie NRW. Auch Renz bestätigt: „Komplexität per se ist nichts Schlechtes – aber sie zu managen ist das A und O! Das kann auf Grund der vielen beteiligten Funktionen nur im Team passieren und gehört deshalb ganz oben auf die Management-Agenda.“ Ein Machtpromotor, der auch mal unangenehme Entscheidungen durchboxt, müsse an der Spitze stehen.

In der Praxis bedeutet dies zum Beispiel für Dieter Baumanns, Geschäftsführer der Surteco Decor GmbH: „Wir optimieren ständig unsere Rüstzeiten, um unsere Komplexität besser zu beherrschen“, und Dr. Martin Prasch, Leiter Global Operations der Amer Sports Europe GmbH, betonte: „Man muss auch den Mut haben, nicht erfolgreiche Varianten wieder sterben zu lassen.“ Philipp Burgtorf, Bereichsvorstand Bedding der Recticel Group, zeigte ebenso auf, dass die Sortimentsstraffung neue Chancen für echte Innovationen öffnet. Thomas Staba, Bereichsleiter Category Haus- und Heimtextilien, stellte anschaulich dar, dass Otto sowohl als Big Map Site megagroß auftritt, via Spezialshops, über die der Konzern Zusatzumsätze generieren will, aber genauso gut klein & fein agiert. Ein leidenschaftliches Plädoyer dafür, dass jeder seinen individuellen Weg finden muss, hielt Wolfgang Kettnaker, Geschäftsführer der Kettnaker GmbH & Co. KG. Das Familienunternehmen in 5. Generation erwirtschaftet in diesem Jahr voraussichtlich 13 Mio. Euro Umsatz. Traditionelle Werte zu pflegen, bedeute nicht das Bewahren von Asche, sondern die Weitergabe von Feuer.

Die anschließende Podiumsdiskussion, moderiert von „möbel kultur“-Verleger Jörn Holzmann, brachte eine weitere Erfolgskomponente für Hersteller und Händler, für kleine wie große Unternehmen, zu Tage: Die Bedeutung des Storytellings. „Produkt und Qualität sind wichtig, doch am Ende entscheidet die emotionale Komponente“, so Wolfgang Kettnaker, aus eigener Erfahrung. Das gilt laut Philipp Burgtorf auch gerade im Markengeschäft: „Wir müssen Begehrlichkeiten mit der passenden Geschichte wecken“, bestätigt er. Funktionieren muss dies am Markt, aber auch innerhalb des Unternehmens: „Erst wenn alle Mitarbeiter ‚Feuer und Flamme‘ sind, hat man auch beim Kunden Erfolg mit seinem Produkt“, so Thomas Staba.

Abschließend warf Dr. Dr. Günter Scheipermeier, Vorsitzender des Beirates der Nobilia-Werke, erstmals seinen ganz persönlichen Bick auf die Küchenmöbelbranche. Er resümierte in seiner Keynote: „Komplexität und Variantenreichtum werden getrieben von den Bedürfnissen des Endverbrauchers. Diese werden aber massiv durch den Handel dynamisiert, der damit Kompetenz und Leistungsfähigkeit demonstrieren will“.

Fazit der Veranstaltung? Der Weg aus der Komplexitätsfalle ist auf jeden Fall machbar, erfordert aber einen langen Atem. Komplexitätsmanagement ist kein Sprint – sondern vielmehr ein Marathon.

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