M.O.W.-Analyse

Der Strukturwandel schlägt zu

Zunächst die wichtigste Nachricht: Nach den ersten acht Monaten des Jahres drohten die Herbstmessen ein Debakel zu werden. Warum sollte der Handel Ware einkaufen, wenn die Läger noch bis obenhin voll sind. Es ist dann doch nicht so schlimm gekommen, denn der Handel hat gemerkt, dass er frische Ware benötigt, um den Kunden entsprechende Kaufimpulse geben zu können. Das ist erfreulich.

Dennoch verlaufen die Herbstmessen anders als sonst, dafür ist in den Tagen und Wochen zuvor einfach zu vieles passiert. Die „möbel kultur“ hat in den Gesprächen auf der M.O.W. sieben Themen ausgemacht, mit denen sich die Branche auseinandersetzt.

  1. Konzentration auf beiden Seiten: Die Konzentration im Handel ist bekannt. Dass sich nun aber auch auf Lieferantenseite mehr Schwergewichte formieren, ist die logische Folge davon. Denn die großen Handelskooperationen benötigen Volumina, die sich mit einer Vielzahl mittelgroßer Hersteller und Importeure nicht mehr sicherstellen lassen. Das geht einher mit der Tendenz, möglichst viel aus einer Hand bekommen zu wollen. Somit erweitert sich die Liste der Großlieferanten, auf denen bisher Namen wie Bega, Forte, Rauch, Polipol, 3C und Himolla standen, um Namen wie Wiemann, Cotta und mit etwas Abstand auch MCA und Trendteam. Beispiel Wiemann: "Durch die Übernahme ist Wiemann jetzt der kompetenteste Schlafzimmermöbelhersteller in Deutschland. Breit aufgestellt und mit einem guten Konzept“, sagt RMW-Geschäftsführer Rudolf Eikenkötter. Und selbst Bega-Chef Dieter Hilpert sieht in Wiemann einen sehr ernstzunehmenden Konkurrenten. Fest steht: Wer nicht nur mit einer entsprechend breiten Produktpalette, sondern auch mit Liefersicherheit und Schnelligkeit punkten kann, wird gemeinsam mit dem Handel weiterwachsen.
  2. Polen wird teurer. Die gestiegenen Rohstoffpreise sind ein internationales Phänomen, die gestiegenen Lohnkosten, die bei Polstermöbeln besonders zu Buche schlagen, sind ein nationales Thema. Weil Hersteller und Importeure die Preise kräftig angezogen haben, wackeln in Polen nun die Einstiegspreislagen. Denn Alternativen gibt es: Vermehrt war schon Ware aus Weißrussland und der Ukraine zu sehen. In diesen beiden Ländern stehen hochmoderne Produktionen zur Verfügung. Osteuropa-Experten wie Wilhelm Strack oder Halina Kasprzyk sind deshalb gerade stark beschäftigt, die weißrussischen und ukrainischen Betriebe über den deutschen Geschmack aufzuklären.
  3. Die Logistik stößt an ihre Grenzen. Auch wenn die internationale Handelspolitik nichts Gutes verspricht, momentan brummt der Frachtverkehr in Europa. Wer sich langfristig kein gut funktionierendes Speditionsnetzwerk aufgebaut hat, leidet aktuell unter Kapazitätsengpässen – und unter immens gestiegenen Preisen.
  4. Zwar gehören E-Commerce-Anbieter schon seit einigen Jahren zur festen Zielgruppe der M.O.W., doch in diesem Jahr wurden sie auffällig häufig an den Ständen plakativ angesprochen. Nicht nur bei Tema war in riesigen Lettern zu lesen „Designed to sell online“. Ausgetüftelte Verpackungskonzepte und kurze Lieferzeiten inklusive.
  5. Hängepartie: Einzelne Händler aus dem VME-Union-KHG-Gebilde waren in Ostwestfalen unterwegs, aber eben nur einzelne. KHG blieb sogar geschlossen in Berlin. Zunächst sollen wie gewöhnlich die Konditionen auf den Tisch, bevor wieder geordert wird. Somit wächst in der Industrie die Angst vor den nächsten Preisverhandlungen, denn die ersten Ein- bzw. Vorladungen sind bereits rausgegangen. Bis dahin hält die Hängepartie aber noch an.
  6. Internationalität: Wer sich weiterhin über die ausbleibenden Einzelhändler in OWL mokiert, obwohl diese Spezies sichtbar noch nicht augestorben ist, dem bietet sich bei entsprechender Ausrichtung eine wachsende Besuchergruppe. Denn mit dem Grad der Internationalität auf Ausstellerseite kommen auch mehr internationale Einkäufer nach Bad Salzuflen.
  7. Tristesse am POS: Immer wieder mahnten die Hersteller in den vergangenen Tagen, dass der Handel den POS mehr inszenieren sollte, dass er den Endverbrauchern Ideen, Inspiration liefern muss, damit dieser überhaupt noch ins Haus kommt. Die Frequenzflaute war ja in diesem Sommer trübseliger denn je. Der Preis allein kann jetzt wirklich nicht mehr das einzige Konzept sein. Das sollte der konventionelle Handel den Discountern überlassen. Umso mehr verwundert es, dass die Begros nun auch noch ihre Eigenmarke in den Preisverhau schickt. Hier der Link zum aktuellen Ostermann-Prospekt mit 35 Prozent Nachlass. Und bei Porta sieht es ähnlich aus. Der Sinn, die mit viel Werbeaufwand installierte Eigenmarke mit einem Drittel Preisnachlass zu beschädigen, erschließt sich offenbar nur Eingeweihten.

Trotzdem: Die Signale waren in den vergangenen Tagen nicht alle schlecht. Denn ein Strukturwandel bietet immer auch Chancen. Wer dann mit dem richtigen Drive an die Sache geht, kann gewinnen. Symptomatisch dafür steht Marc Greve von Polipol, der es auf den Punkt brachte: „Es ist doch gut für uns, wenn sich Marktanteile verschieben. Überall, wo das passiert, werden wir ein Wörtchen mitreden.“

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